Wer das mag, Weltgeschehen im Anekdotischen wiederzufinden, der kann nun weiterlesen. Wer das nicht mag, der soll grade sehen, wie er weiterkommt im irischen Durcheinander von 'very welcome' und Katholizismus und dem direkten Weg vom britischen schwarzen Humor zur letzten Kolonie Englands.
Einer der wichtigsten Orientierungspunkte in meinem praktischen Leben war immer die Entfernung zum nächsten Klo oder einer bepinkelbaren Gegend. So auch diesmal, als 'international observer' eingeladen vom Pat Finucane Centre in Derry. Pat Finucane war Anwalt in Menschenrechtsfragen, er wurde in seinem Haus in Anwesenheit seiner vielen Kinder und seiner Frau erschossen. Von protestantischen Killern, die auch jetzt wieder angekündigt hatten, wahllos Leute jenseits der Grenze umzubringen, in der Republik Irland, wenn die Orangisten-Paraden nicht durch die katholischen Viertel ziehen dürften. Das Pat Finucane Centre setzt sich dafür ein, daß politische Lösungen gefunden werden für einen Weg aus diesem Bürgerkrieg in der letzten britischen Kolonie, in der einzigen Kolonie in Europa.
Situation 1: in Belaghy, einem kleinen Ort sudöstlich von Derry, war eine dieser Sommer-Paraden des protestantischen Orangisten-Ordens angekündigt, ebenso der Protest der katholischen Community, die diese Protzparaden nicht zwischen ihren Wohnhäusern haben wollte. Langes Warten. Internationale Beobachter, Royal Ulster Constabulary (RUC), Bewohner des Ortes, Unterstützer des Protests, noch im Hintergrund die Panzerwagen der Armee. Wo ist ein Klo? Schnell eine Frau gefragt, die in ihrem Hauseingang steht. „Ja, natürlich. Oben im ersten Stock, wie in all unsern Häusern. You're welcome“.
Situation 2: beim Verlassen von Belfast am 12. Paraden-Juli in eine Einbahnstraße geraten, die unentrinnbar an den Beginn der Orangisten-Parade in einem protestantischen Viertel führte. Nach anderthalb Stunden Getöse und Triumphieren und 'Sons of the Conquerors', Schwert- und Kronenträgern, Lambeg-Trommeln und L.O.L. (Loyal Orange Lodge) und 'Imperial Grand Masters', da war er wieder da, der leidige Drang zum nächsten Klo. Zwei Ladies sitzen vor ihrer Haustür: ich muß mal. "Oh, dear", wird geantwortet, „die Parade ist gleich vorbei, dann können Sie wieder nach Hause gehen und die eigene Toilette benutzen.“
Überall, wo wir auch hinkamen in der Woche vom 5.-12.Juli, freundliche Aufnahme in den katholischen Vierteln, offene Türen sogar in Zeiten der Belagerung, welcome, cup of tea? Dagegen coolness, Mißtrauen bis hin zu feindlicher Ablehnung in den sauber geputzten und hochgeschmückten Vierteln der Protestanten mit ihren in den britischen Farben angemalten Bordsteinkanten. Dort Arglosigkeit, hier Wagenburgdenken.
Es gibt in Nordirland viele Beispiele dafür, daß Protestanten unbehelligt in Katholikenvierteln wohnen können. Umgekehrt aber haben Katholiken, die in protestantischen Vierteln wohnen, mit Bedrohung zu rechnen. So zuletzt in einem Flugblatt nachzulesen, das Ende Juni in Belfast verteilt wurde und mitteilte, daß ab 1. Juli 12 Uhr mittags, high noon, keine Garantie mehr für Leib und Leben von Katholiken gegeben ist, die weiterhin in protestantischen Vierteln wohnen. Der Terror, den diese Sektierer verbreiten, schlägt auf sie selbst zurück: In den protestantischen Communities geht ganz offensichtlich die Furcht um, daß ihnen angetan werden könnte, was sie anderen angetan haben, und zwar durch Jahrhunderte, und was sie noch immer tun.
Wer ohne Vorurteile und kenntnislos zur Zeit der rund 3000 Sommer-Paraden nach Nordirland kommt, der muß blind, taub und dumm sein, wenn er nicht aus den Angeln gehoben wird, und zwar von den Angelsachsen und ihren fanatischen Sachwaltern. Nicht ohne Grund werden die Panzerfahrzeuge, mit denen in Nordirland politische Lösungen auch weiterhin verhindert werden, 'Saxons' genannt. Daß es Beispiele für respektvollen Umgang miteinander gibt, daß sogar Zusammenarbeit möglich ist, daß es inzwischen auch gemeinsame Schulen gibt, das alles wird durch die hitzigen Sommer-Paraden der Orangisten regelmäßig wieder zugepanzert.
Wir fuhren in den Norden mit lockeren Ideen im Gepäck, man könnte diesem Paraden-Mummenschanz vielleicht mit Veralberung begegnen, mit so einer Art Christopher Street Day, Männer als Frauen verkleidet, die ihre Oberteile mit Orangen ausstopfen. Irgendwas Blödes gegen das Blöde. Zerbröselung der Heldensockel durch Lächerlichmachen. Wie blöd waren wir.
Am Samstag 5.Juli nach Derry. Auf dem Weg dorthin am Straßenrand ambulante Gemüsehändler mit frischen Kartoffeln: "Queens to sell". Gute Stimmung beim Abendessen in der Gastfamilie. Fast alles deutet darauf hin, daß es diesmal mit der smarten aber doch auch neuen Regierung in London eine Abkehr vom alten Starrsinn der Beherrscher geben dürfte. Daß es nun endlich möglich sein könnte, daß diesmal die provozierenden Paraden der Orangisten nicht mehr durch die Wohnviertel der Katholiken hindurchgeprügelt werden. „Kann sein,“ meinen die Gastgeber, „daß es für Euch gar nichts zu tun gibt. Dann könnt Ihr einfach schön Urlaub machen. Es wird Euch gefallen bei uns.“ - Wir laufen noch durch die Stadt, Polit-Tourismus zu den großen Wandbildern, protestantische Oberstadt, katholische Unterstadt. P E A C E O R W A R ? an der Stadtmauer. Am ersten Block der Bogside:
Sonntag 6.Juli, 4 Uhr nachts Anrufe, daß in der Garvaghy Road in Portadown mehrere Hundertschaften von Soldaten und RUC-Polizisten gewaltsam die Straße frei geräumt hätten, für die Orangisten-Parade. Im Laufe des Tages erfahren wir von Augenzeugen, was dort geschehen war. Armee und Polizei hatten mit ihren Saxons die kleinen Wohn-Seitenstraßen von der Garvaghy Road abgeriegelt und dann die übriggebliebenen 150 Bewohner von der Straßenmitte einzeln weggeschafft. Immer 4 Polizisten griffen sich eine Person, drehten die Nase zu, drückten ihr die Finger in die Halsgrube unterm Kinn, schleppten sie durch ein prügelndes Spalier und schmissen sie einzeln aus dem Kesseltreiben raus. Die Menschen im Kessel sprangen verzweifelt gegen die Schild- und Helm- und Knüppelwände an, bis auch sie drankamen. Einer nach dem andern. In einer minutiös geplanten Aktion. Die 'königlichen' Ordnungskräfte genossen die Beschädigung ihrer Opfer, jeder von ihnen durfte mal ran. Wir sahen die Photos, wir sahen die äußeren Verletzungen zwei Tage später: blau angelaufene Nasen- und Gesichtspartien, Blutergüsse unterm Kinn und am Hals. Prügelspuren am ganzen Körper, bei Männern wie Frauen.
In Derry haben sich inzwischen an allen Zugängen zur Oberstadt und zu den protestantischen Vierteln die gepanzerten RUC-Jeeps geschoben. Über der Stadt der hackende Lärm der Hubschrauber. Das erste ausgebrannte Auto steht quer auf der Straße zur Bogside, der Bus auf der großen Einfallstraße brennt. Am frühen Abend findet eine 'Rally' statt, eine friedliche Demonstration, viele Familien, Plakate gegen Paraden, Reden vorm Polizeirevier, Martin McGuinness ruft auf, die Wut wegen der Polizei-Knüppelei in der Garvaghy Road nicht in gewaltsame Konfrontationen zu leiten.
Aber die Enttäuschung über die Entscheidung in Portadown ist greifbar, und jeder scheint zu wissen, daß dieses Jahr härter sein wird als das vergangene, weil der Absturz aus den Hoffnungen, die die Labour-Regierung genährt hatte, soviel höher war als in den Jahren davor. Nachts um 11 beginnen die 'riots', die Wutattacken gegen die Oberstadt, gegen die RUC-Jeeps. Eine Bank brennt, ein Schnellrestaurant, Barrikaden und geklaute Autos werden ineinander verkeilt, angezündet. Mit einem Auto der Northern Irish Electricity Gesellschaft karren vermummte Jugendliche Bierkästen voll Molotow-Cocktails heran, die Polizei setzt Plastikgeschosse ein. Die Menschen ducken sich, suchen Schutz in Hauseingängen, gehen aber nicht weg. Wir Beobachter stehen im Weg, unsere kleinen 'Observer'-Schildchen sind im Dunkel nicht zu erkennen, wir fürchten uns ein bißchen. Verhindern können wir nichts. Wir sehen auch niemanden in der großen Menge der Zuschauer, der etwas verhindern wollte. IRA-Leute sollen spät in der Nacht den Jugendlichen die Mollies weggenommen haben.
Die britische Regierung hat gleich im ersten Anlauf die historische Chance verspielt, einen neuen Weg zu politischen Lösungen zu öffnen. "New Labour - Same Orange-State", heißt eine Parole. Marjorie Mowlam, Nord-Irland-Ministerin von Tony Blair, hatte eine tolle Performance geliefert. Bis zum Schluß hatte sie erfolgreich die Hoffnungen genährt, daß in diesem Jahr das letzte Kapitel im Bürgerkrieg geschrieben werden könnte. Sie hatte ihr persönliches Gewicht in die Garvaghy Road Residents Coalition getragen, hatte die Bewohner ermutigt, auf ihre eigene Kraft zu vertrauen und auf Solidaritätskundgebungen von außen zu verzichten, die Bewohner hatten ihr geglaubt; die Ministerin hatte Hände geschüttelt und mit Zuversicht gefesselt; hatte die Skeptiker an die Wand gelächelt; hatte sich Glaubwürdigkeit ergattert mit ihren ernsten Auftritten, besorgt um den Frieden.
Bis dann Sonntagnacht klar wurde, wer in Nordirland die Politik bestimmt. Wenn in den Gesprächen keine Annäherung gefunden wird, kein Kompromiß, dann, so wird es durch ein später bekannt gewordenes Papier offenbar, dann hat der Polizeipräsident Ronnie Flanagan das letzte Wort. Das war den Orangisten bekannt. Sie mußten deshalb auch auf keinen Kompromiß eingehen, denn es war auch klar, Flanagan würde sich für das „kleinere von zwei Übeln“ entscheiden, wie er erklärte, er würde sich den Terrordrohungen der protestantischen Freikorps beugen, weil er die zu erwartenden Unruhen und die Aktionen der IRA für kalkulierbarer hält.
Montagabend sind wir in Belaghy, wo ich auf's Klo im ersten Stock gehen durfte. Dort standen ziemlich lange die Fronten gegeneinander, die Polizei bildete die erste Absperrung, die Armee die zweite, dahinter marschierten dann irgendwann lärmend die Orangisten. Das hätte es gewesen sein können. War's aber nicht. Gleich zu Anfang kam zielstrebig ein Personenauto durch die Demonstrantenmenge gefahren, die halb verwundert, halb belustigt Platz machte. Das Auto fuhr bis an den RUC-Kordon ran. Einige mußten lachen, 'komische Aktion, das da'. Dann stieg ein alter kurzatmiger Opa aus, holte hinten aus dem Auto sein schwarzes Jackett, zwängte sich aufgeregt durch die Polizisten durch. Beinahe wäre er zu seiner Parade zu spät gekommen. Die Demonstranten mußten lachen, einige machten 'ho ho', das Auto fuhr im Rückwärtsgang durch die Menge. Kein Faustschlag oder ähnliches ans Auto. Unbehelligt fuhr das Protestantenkistchen durch die Paradengegner zurück. Umgekehrt, im Protestantenviertel, wäre sowas nicht möglich gewesen, sagt mir ein Reporter von BBC. Der muß es wissen. Er berichtet regelmäßig über Nord-Irland.
Wenig später hält Martin McGuinness eine kleine Rede, an ein Gartenmäuerchen gelehnt, neben dem Polizei-Kordon. Kameras laufen, Mikrophone werden hochgehalten, sonst aber friedliche Stimmung, keine Provokation. Plötzlich drängen ein paar RUC-Polizisten die Gruppe um McGuinness an die Mauer, quetschen sie drüber, Soldaten drängen nach, ein RUC-Officer haut McGuinness mit seinem Knüppel eins über den Kopf. Gerangel, Prügel, Stöcke fliegen, McGuinness beschwichtigt. Alles wird wieder ruhig. Dann sagt er zu den Journalisten, sie sollten jetzt Bilder machen, von ihm und dem RUC-Officer, der ihn geschlagen hat, geht direkt auf den zu, stellt sich zum Fototermin neben ihn, es wird geknipst.
Dienstag, Mittwoch und Donnerstag sind wir in Portadown, in den Tagen nach dem Schrecken, wir wohnen bei Leuten aus der Garvaghy Road, sehen jetzt auch, welche Verletzungen die Plastikgeschosse anrichten. Wir sehen und spüren, was die kalkulierte Brutalität der nächtlichen Polizei-Aktion, der erzwungene Orangisten-Marsch und der Vertrauensbruch der neuen Regierung bei den Menschen in der Community angerichtet hat. 'Drained' ist das erste neue Wort, das ich dort lerne. Ausgelaugt, leer. Mehr kann eine der Aktivistinnen aus der Bewohner-Gruppe gar nicht mehr sagen. Sie ist aschgrau und apathisch und war vor kurzem noch jung (auf einem wenige Tage alten Video sehen wir sie noch lachen). Andere kommen, um in Gesprächen mit Helfern zu Protokoll zu geben, was mit ihnen geschehen ist. Sie können noch sagen, wie sie heißen, wo sie wohnen, dann gehen ihnen die Worte aus. Sie zeigen die Blutergüsse und Verletzungen. Manche sagen nur: „Ich war dabei. Sie hätten das nicht tun dürfen.“ Sagen das mehrmals hintereinander, fassungslos. Andere reden ganz viel, sich überschlagend. Wenn sie die Stellen zeigen, an denen ihnen die Luft bis zum Erstickungsanfall abgedrückt wurde, sind auch die Wörter wieder weg.
Das ist das Programm der Orangisten. Und viele Kräfte in der RUC sind aktive Mitglieder im Orange-Orden. Diese Geheimgesellschaft, vergleichbar den Freimaurerlogen, der Loge P2 in Italien oder Opus Dei, sie ist das entscheidende Werkzeug für das Unionistische Establishment. Sie ist die gesellschaftliche Agentur, die den schmutzigen Krieg gegen die katholische Bevölkerung auf den verschiedensten Ebenen propagiert und praktiziert. Dort, wo die offizielle Politik sich lieber vornehm zurückhält. Ohne einen Funken von Selbstzweifel vertreten die Logen des Oranier Ordens auch heute noch die Haltung, die in den "Penal Laws" zu finden ist: nach der Schlacht an der Boyne (1.Juli 1690), die alljährlich in den Orangisten-Paraden gefeiert wird, wurden Strafgesetze gegen die irischen Katholiken erlassen, die praktisch darauf abzielten, sie zu zerstören. „Diese Strafgesetze waren eine kluge und ausgeklügelte Maschinerie, deren Zweck es war, das Volk und die menschliche Natur selbst in einer Weise auszusaugen, zu erniedrigen und zu entwürdigen, wie sie von der pervertierten Erfindergabe des Menschen noch nie ersonnen worden war.“ (Edmund Burke, ein konservativer Philosoph)
Wenn die Orangisten-Logen mitteilen, es ginge ihnen doch nur um ihre Tradition, um ihre Kultur und ihre Bräuche, um die Aufrechterhaltung des protestantischen Erbes, dann lügen sie nicht. So ist es. Sie meinen den Geist der Schlacht an der Boyne, als der protestantische Wilhelm von Oranien den katholischen König Jakob II. besiegte. Und die Art in der sie sich auch heute noch triumphierend ans paradierende Feiern machen, vorzugsweise durch katholische Wohnviertel, läßt keinen Zweifel aufkommen: sie meinen tatsächlich immer noch das, was die Penal Laws wollten. Erniedrigen, entwürdigen, zerstören. Wenn Traditionen, Bräuche, kulturelles Erbe unlebbar sind, gehören sie abgeschafft. Früher galt der Brauch, das Herz oder die Leber des besiegten Feindes zu essen, um sich dessen Mut einzuverleiben. „Traditionen“? „Kulturelles Erbe“?
Die Orangisten-Parade in Portadown ist längst vorbei, aber die RUC-Panzerfahrzeuge stehen noch immer am Anfang und am Ende der Straße. Uniformierte mit Gewehr im Anschlag. Rund um die Uhr. Auf Nachfrage, warum sie immer noch da seien, höre ich von einer Polizistin, ein Anwohner habe um ihren Schutz gebeten, ihm sei das Auto gestohlen und verbrannt worden, deswegen seien sie da. Ich gehe ins protestantische Portadown, ins hübsche Städtchen, frage dort Leute, den Photohändler, die Verkäuferin im Supermarkt, was sie denken, warum da immer noch die Polizei und die Soldaten stehen, wo doch alles vorbei sei. Die Gesichter fallen jedesmal nach unten, die Tendenz der Antworten ist gleich: weiß nicht. Zur Garvaghy-Road muß man nicht gehen, das ist die Hölle. Nein, noch nie da gewesen, aber wissen, da ist die Hölle. Die machen Überfälle in unserer Stadt. Die sind fanatisch. - Wagenburgdenken, Mißtrauen gegen fremde Frager, für die ist die RUC ein Schutzwall gegen die Teufel.
Die Bewohner des katholischen Ghettos sagen, die gepanzerten Land Rover stehen da 'just for teasing', um zu nerven, um zu provozieren. Einüben in Bürgerkrieg. - Das ist dann auch im Abendlicht zu sehen. Die Straße glitzert von Glasscherben, die hellgrau ausgebrannten Autowracks stehen quer, daneben zerborstene Kanalrohre, überall leere Dosen, Plastiktüten, Müll. Die Menschen sind nach innen zusammengestürzt. Apathische Herzlichkeiten. Die Abendsonne stimmt freundlich. Man läßt die Youngsters gewähren. Die sammeln Steine, schmeißen sie in Richtung 'Saxons', freuen sich, wenn's scheppert. Manchmal heult dann ein Motor auf, ein gepanzertes Fahrzeug fährt auf die Jugendlichen los, die rennen weg, das Fahrzeug dreht ab, macht Platz für's nächste. Die Erwachsenen rühren sich nicht von der Stelle. Ganz kleine Kerlchen üben Steinewerfen auf die Autowracks, Väter schauen zu. Gegen zehn Uhr abends holen Mütter die Jüngeren ins Haus, die maulen, wollen dabeisein, wenn die Flaschen mit Farbe gefüllt werden und mit was weiß ich. Einüben in Bürgerkrieg.
Das Schwimmbad, die Sportplätze, die Kinos, die Discos, all diese Treffpunkte sind im protestantischen Bereich, der Weg durch den Park zu gefährlich, dort wurde schon angegriffen, verletzt, beschossen, getötet. Jetzt soll die Post-Nebenstelle geschlossen werden, es werden Unterschriften gesammelt, daß das nicht geschieht. Viele gehen nämlich nicht zur Stempelstelle, wenn sie die Arbeitslosenhilfe abholen, sondern machen das schriftlich bei der Poststelle in der Community, damit sie nicht durch den Park in die Stadt müssen, aus Angst vor Übergriffen.
Manche schicken ihre Kinder auf die konfessionell gemischte Schule am oberen Ende der Garvaghy Road - eine Chance, die Erstarrung endlich zu durchbrechen. Soll irgendetwas in ihrer Community geschehen, dann müssen die Bewohner es selber in die Hand nehmen. Das haben sie versucht, als sie die Gespräche mit Mo Mowlam führten und sie sind so gründlich auf die Schnauze gefallen, so erbärmlich für ihre Hoffnungen verdroschen und verhöhnt worden, als „das kleinere Übel“, als gälte nichts, was von ihnen kommt.
Gegen 23 Uhr gehen wir nochmal die Straße rauf zum 'round about'. Plötzlich kniet im Dunkel schräg vor uns ein Soldat mit Gewehr im Anschlag, auf uns zielend. Dann sehen wir noch zwei andere stehen, ebenso auf uns zielend. Ich werde wütend, schreie sie an, was sie hier machen, was sie hier eigentlich noch wollen, was sie hier auf herumspazierende Leute zielen, ich bin außer mir, so gut das mit meinem schlechten Englisch geht. Sie sind verdattert. Sagen, sie hätten gar nicht uns gemeint. Sie würden nur auf die Leute dort hinten zielen - was nicht stimmt, aber die da hinten - da stehen zwei alte Männer und reden über den Gartenzaun hinweg miteinander - die sind offenbar minderen Werts, auf die darf man Waffen richten. Überhaupt, sie hätten eigentlich nur 'beobachtet', durch das Zielfernrohr.
Es sieht so aus, als läge die politische Entscheidungsgewalt in den Händen derer, für die die Bevölkerung nichts anderes ist als eine Auswahl von beweglichen Weichzielen.
Am dritten Tag nach der Parade will die 'Garvaghy Road Residents Coalition' eine 'Rally' veranstalten, über die Straße, die sie als Alternative für die Orangisten angeboten hatte. Ein paar Frauen und Männer ziehen mit Besen und Müllsäcken los und fangen an, die Straße zu säubern. Und plötzlich sind es ganz viele, die mithelfen. Dosen, Plastik und Papier in die Säcke, Steine und Glas auf der Straße zusammenhäufeln, das wird dann weggekarrt, schließlich auch die Autowracks. „Wir müssen einfach anfangen, wieder was zu tun, sonst fallen wir ganz zusammen“. Nach einem halben Tag ist alles aufgeräumt, am frühen Abend trifft man sich im Sonnenschein am Ende vom Park. Die Frau, von der ich das Wort 'drained' lernte, hat sich ein bißchen geschminkt, trägt zusammen mit anderen das große Transparent der 'Residents Coalition' und das T-Shirt mit dem Aufdruck:
Sie lacht endlich wieder, sie winkt uns zu. Ich könnte heulen. Ein langer Zug wird das. Viele Leute aus anderen Orten sind gekommen, um ihre Solidarität zu zeigen, auch ihre Wut und die Entschlossenheit, die Leute in Belfast nicht allein zu lassen, wenn sich dort die Orangisten-Parade in Siegertum durch die Lower Ormeau Street zwingen will. Auch Gerry Adams ist gekommen. Aber er schwingt sich nicht auf's Podium vor den drei großen Wandbildern, das Mikrophon ist nicht für die Prominenz gedacht, sondern für diejenigen, die vor Ort den Widerstand und die Niederlagen zu tragen und auszuhalten hatten und jetzt dabei sind, sich aufzurichten.
Als letzter spricht Gerard Rice von der Resident's Coalition in Belfast. Er bittet alle, am Freitag und Samstag nach Belfast in die Lower Ormeau Street zu kommen und den Bewohnern zu helfen. Man sieht ihm die Anspannung an, er spricht aber unangestrengt, familär, läßt sich unterbrechen, gibt Antworten, ist kein Agitator, sondern einer von denen hier, alle wissen Bescheid. Hier braucht keiner was vorzumachen. Hier braucht's auch keine Sinn Féin und keine IRA, um irgendetwas zu steuern, wie immer wieder behauptet wird. Die Empörung ist allgemein und es geht um Gleichheit, um Recht, um Würde. Das versteht hier jeder.
Ausgerechnet die 'älteste Demokratie' verweigert hartnäckig der katholischen nordirischen Minderheit, was sie für sich selbst so hochhält. Ausgerechnet England läßt noch immer zu, daß eine ganze Bevölkerungsgruppe in ihrem Land als minderwertige Menschen behandelt werden, weil sie seit 1690 als 'besiegt' gilt, noch immer als Unterworfene, jedes Jahr jedenfalls wird sie aufs Neue gründlich öffentlich gedemütigt, verprügelt und ihrer Rechte beraubt.
„You must not be a weatherman to know from where the wind blows“, so sagten es in den 70ern die rechtlosen Amerikaner, nicht nur die Schwarzen, als die den Aufstand begannen. Alle in Portadown hoffen und arbeiten daran, daß sich bis zum Samstag der Wind in Belfast dreht und den Orangisten ins Gesicht blät.
Am nächsten Morgen reisen wir nach Belfast. Einer von der Garvaghy-Community hat uns ein Plastikgeschoß zum 'Andenken' geschenkt. Wir halten es erst für eine dicke Kerze, sind nun mal sehr ungeübt im Katholischen.Wir sind erschrocken, als wir merken, was das ist. Das ist gemacht, um Menschen zu erschlagen. Mittags kommen wir in Belfast an, finden auch gleich die Lower Ormeau Street und das Community-Centre, in dem wir erfahren, in welcher Familie wir wohnen werden. Das Centre ist in einem ehemaligen Wettbüro, wo vor einigen Jahren ein Killertrupp der protestantischen Freikorps fünf Leute, die gerade dort herumstanden, mit dem Maschinengewehr niedergemäht hatte. Seit diesem Ereignis wollen die Bewohner nicht mehr die Siegermärsche dort vorbeiziehen lassen. Die neuen Ereignisse in der Garvaghy Road lassen zweifeln.
Eine katholische Anwältin, die in einem Protestantenviertel wohnt, ist für die Zeit der Sommerparaden dort ausgezogen. Sie ist Anwältin in Vergewaltigungsfällen und sagt, genau das geschieht hier, Vergewaltigung, 'rape'. Die Stärkeren ziehen sich daran hoch, daß sie den Unterlegenen etwas antun können, mit Gewalt, etwas, was die nicht wollen, aber bei aller Gegenwehr nicht verhindern können. Sie hat ihr Zelt im Peace-Camp bei den Kindern aufgeschlagen. In ihr Haus war ein Blumenkasten geschmissen worden, durch's geschlossene Fenster.
Es gibt eine Versammlung an der Brücke, über die die Orangisten kommen werden, wenn sie denn kommen. Auf der Wand gegenüber ein ganz frisches Gemälde: Ronnie Flanagan, der Ober-RUC-Mann in Uniform, mit SS-Rune auf dem ärmel, zeigt mit seinem Knüppel auf einer Wandtafel, wo entlang die 'erprobte Route' der Orangisten zu gehen habe, nämlich über einen platt am Boden liegenden Katholiken. Am anderen Ende steht Mo Mowlam in der römischen Toga des Pilatus, sie hat die Augen verbunden, wäscht gerade ihre Hände in Unschuld und wird sie mit dem Handtuch 'Parades Commission Chairman' abtrocknen.
Auch hier reden wieder nur die lokalen Sprecher, wir sehen viele Gesichter, die aus der Garvaghy Road bekannt waren. Kein lautes Singen im Wald, kein 'wir werden siegen'. Die Versammelten sind zwar entschlossen, aber auch angespannt, besorgt, und doch auch heimlich überzeugt, es könnte diesmal klappen. Denn nach dem, was die Herren in der Garvaghy Road angerichtet haben, können sie es sich weder politisch noch wirtschaftlich leisten, eine Wiederholung zu inszenieren. Es gibt inzwischen zu viele Beobachter. Das Land wird brennen. Alles, was die neue Regierung braucht, um sich abzuheben von der vorigen, wird die Boyne runtergehen.
Nach der Versammlung fast Volksfeststimmung, bißchen Grillfeuer, bißchen trinken, sich bekannt machen, erzählen was man weiß, neues erfragen. Dazwischen Hubschrauber-Geknatter. Regelmäßig Nachrichten: wird es noch in der Nacht eine Entscheidung geben? ob die Parade durch die Ormeau Road geht oder nicht? - kaum sind wir schlafen gegangen, hören wir die Nachricht: die Parade durch die Ormeau-Road ist abgesagt.
Raus auf die Straße. Die Leute sind froh, glauben es aber nicht recht. Fürchten Anschläge der Unionisten-Gangs. Jedes Auto, das langsam vorbeifährt, wird beargwöhnt. Die richtige Freude kommt erst am andern Tag. Die Nachrichten hatten gestimmt. Von 5 Ordens-Logen liegen Erklärungsfaxe vor. Diese Paraden 'jetzt nicht' oder 'nicht so'. Aber: 'Wir behalten uns das Recht vor, unsere Parade zu einem Zeitpunkt unserer Wahl so abzuhalten, wie sie ursprünglich geplant war. 'Immer im Herrensitz, immer von oben herab.
Es sieht so aus, als wäre den Leuten von der Garvaghy Road diese Kehrtwendung in der Politik zu verdanken. Alle Wachsamkeit und Solidarität mit ihnen, daß sie wieder Mut fassen und weiterwissen, nicht nur sie, sondern alle, die in dieser Provinz Europas unterdrückt werden und gedemütigt, 'aus Tradition'.
Am Vorabend des Haupt-Paraden-Tages sind überall riesige Scheiterhaufen errichtet, aus Paletten, Autoreifen, Sperrmüll. In allen protestantischen Vierteln, überall im Land auf Verkehrskreiseln, auf Dorfplätzen. 'Bonfire' werden das. 'Freudenfeuer', oft haushoch aufgetürmt. Als das Feuer auf der anderen Seite des Lagan-Rivers in Belfast angezündet wird, wollen wir von der katholischen Seite aus zusehen. Eine Frau aus der Ormeau Street warnt uns, das sei nicht ungefährlich. Wir meinen aber, der Fluß ist breit, die Lage ist entspannt, wir sehen nach dem aus was wir sind, ahnungslose Ausländer. Sie kommt mit. Zu viert stehen wir am Flußgeländer, schauen rüber, sagen uns gegenseitig, daß oben auf dem Scheiterhaufen die irische Fahne steckt, die tatsächlich verbrannt werden soll. Ohne daß wir es gesehen oder kommen gehört haben, steht plötzlich ein privater Jeep hinter uns. Die Leute sehen uns an, nicht etwa das 'Bonfire' auf der anderen Flußseite. Die Frau aus der Ormeau Street gerät in Panik, wir versuchen zu beruhigen, gehen wieder zurück, das Auto wendet, fährt uns langsam nach, wir überqueren die Straße, sind bald wieder unter Leuten, sehen das Auto abbiegen über die Brücke zum Bonfire ins Protestantenviertel.
Einen Augenblick lang ist mir das Herz stehengeblieben. 'Threatening' ist das Wort, das wir am häufigsten in diesen Tagen gehört haben, 'bedrohlich'. Selbst wenn es nur im Kopf stattfindet, es wirkt nach. In den Gegenden, wo die Bordsteine in den britischen Farben angemalt sind, wo die Ortsschilder mit der Jahreszahl 1690 überpinselt sind, da traue ich mich nichtmal im Freien pinkeln zu gehen. Dort, wo Steine und zerschmetterte Flaschen auf den Straßen rumliegen und ausgebrannte Autowracks, dort - das wissen wir inzwischen - können wir jeden fragen, nach dem Weg, nach einem Klo, immer bekommen wir freundliche Auskunft und Hilfe.
Einer der Nachdenklichen in Derry meinte, die Spannungen und Kämpfe in Nordirland hätten Ähnlichkeit mit Auseinandersetzungen zwischen Männern und Frauen. Eine Verständigung, oder gar eine Versöhnung sei nur möglich, wenn jeder vom andern erfährt, und auch erfahren will, was dessen Anderssein ausmacht, und wenn das gegenseitig und gleichberechtigt respektiert wird. Solange einer meint, ihm könnte etwas verloren gehen, wenn der andere die gleichen Rechte hat, solange gibt es keine Annäherung. Erst wenn klar ist, daß in einem Verständigungsprozeß jeder nur gewinnen kann, dann könne es 'reconciliation' geben. Eine Versöhnung wie sie zum Beispiel in Südafrika versucht wird.
Ganz zum Schluß gerieten wir dann in das Fallbeispiel zwei. Sahen mit eigenen Augen, wovon die ganze Zeit immer nur die Rede war. Die Loyal Orange Order Parade in Belfast, diesmal ausschließlich auf protestantischen Straßen. Diese ganze hochfeierliche Ordenstitelträger-Parade. Wir sahen und hörten die Tambourmajors, die daherkommen wie in Georg Büchners Woyzeck: "die Brust wie ein Rind ", so schlagen sie mit aller Leibeskraft die feinderschütternden Lambeg-Trommeln. Triumphierend werden Krone und blankgezogene Säbel präsentiert. Todernst schreiten die L.O.L.Deputy Grand Masters an uns vorbei. Alles andere als Helau und Alaaf. Würde das einer rufen, er könnte sich den Tod holen.
Eine Frau neben mir meint sagen zu müssen: "We are not bad."
Am nächsten Tag steht in den Zeitungen: 'Lange Gesichter bei Orangisten-Paraden'. Den Sieger-Nachfolgern des Oranien-Wilhelms hatte die leibhaftige Demütigung der vor 300 Jahren besiegten Katholiken gefehlt. Das hat ihrem 'kulturellen Erbe' den belebenden Geist genommen. Höchste Zeit, den orangenen Rost jetzt einmal runterzumachen, um nachzusehen, ob es auf dem Orange-Planeten vernunftbegabte Wesen gibt. Es ist schlecht vorstellbar, daß in diesem fossilen Sektierertum ein Umdenken stattfindet. Denkbar ist aber ein Nachgeben unter dem Druck der Verhältnisse, weil zum Beispiel der ökonomische Flurschaden dieser nicht enden wollenden Provokationen ganz massiv den Interessen der Unternehmen zuwiderläuft, die fast alle den nord-irischen Protestanten gehören. Es bleiben die ausländischen Investitionen aus, wenn der Friedensprozeß nicht endlich in Gang kommt. „Protestanten sind geizig“, sagt uns eine Irin aus der Republik, „sie verstehen nur die Sprache des Geldes“. Dann muß eben in dieser Sprache mit ihnen geredet werden. Diese Art Beitrag zu einer 'reconciliation' aus den Reihen der internationalen Geldgeber ist aber noch immer mit der Lupe zu suchen.
So lange bleibt nur der ausdauernde und kluge Versuch, alle Parteien an einen Tisch zu bringen. Gespräche wie im ehemaligen Jugoslawien in Gang zu setzen. Um sich jedoch überhaupt an einen Tisch setzen zu können, müssen manche Herren erst von ihrem Roß runtersteigen. Anders ist eine gesellschaftliche Versöhnung, 'reconciliation', nicht zu haben.
Jetzt, in diesem Juli 1997 sieht es tatsächlich so aus, als hätte sich der Wind gedreht, als müsse nicht mehr der Refrain aus Mary Coughlan's so bekanntem Lied gesungen werden 'pressure is rising and temperature's falling'. Wenn diese Hoffnung nicht wieder die Boyne runtergeht, dann gilt der erste Gruß den Menschen aus der Garvaghy Road in Portadown, für die das Lied noch zu singen war.
Bille Haag, Juli 1997
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